Werkbuch «Die Schneiderin»

10. Premiere

Ich werde zunehmend monothematisch, je näher die Premiere kommt. Ich werde «eigen-artig». Ich warne die Menschen um mich herum, dass ich nicht mehr ich bin. Sie sollen es nicht persönlich nehmen, wenn ich ihnen nicht mehr zuhöre oder mitten im Gespräch von etwas ganz anderem spreche.

Und dann kommt der Tag der Premiere. Unser Zustand ist bedauernswert. Wir sind verstopft und zugestopft. Wir arbeiten von morgens bis nachts, und dann träumen wir auch noch vom Stück. Ich wenigstens. Michael ist entspannter. Er ist zuversichtlich. Ich bin in Panik, dass alles für die Katz war. Ich finde unsere Szenen langweilig, nicht lustig, pathetisch, zu schwarz, wirr. Ich bin froh, ist ein Regisseur da, der unerschütterlich an das Stück glaubt und gleichzeitig Erfahrung als Schauspieler hat und weiss, wie sich das anfühlt. Seine Arbeit ist gemacht. Wenigstens grösstenteils: Wir arbeiten auch nach den ersten paar Vorstellungen noch ­am Stück weiter. Meine Arbeit als Co-Autorin ist im Grossen und Ganzen ebenfalls erledigt.

Als Spielerin steht sie mir bevor. Ich muss es bringen. Das, was wir in zwei Jahren zusammengetragen haben, muss ich, verdichtet in siebzig Minuten, auf der Bühne ausbreiten. Ich habe das Gefühl, ich weiss nichts mehr, ich erinnere mich an keine Szenen mehr, die Abfolge ist mir nicht mehr klar.

Ich gehe alle fünf Minuten zur Toilette. Habe das Gefühl von grossem Druck, und dann erlöst sich nichts. Ich finde keine Ruhe. Kann nachts nicht schlafen. Habe das Gefühl, meine Zellen leuchten. Die Gedanken irrlichtern. Keine klare Linie ist mehr möglich.

Extremsport muss ich keinen betreiben: Ich habe den Kick auf der Bühne. Draussen höre ich das Publikum murmeln. Drin­nen stehe ich vor dem Abgrund und muss gleich springen. Ein frostiger Wind kommt aus der Tiefe …

Es ist Erregung pur. Ich bin nur noch Nerven. Ich atme ruhig, turne, singe. Mache Körper und Stimme warm, um sie für die siebzig Minuten Hochleistungssport zur Verfügung zu haben.

Das Licht geht aus. Die Musik setzt ein. Ich gehe im Dunkeln zum Tisch und setze mich im Schneidersitz darauf, Nadel in die eine Hand, Saum des Kleids in die andere. Das Licht geht an. Das Spiel beginnt. Ich werde ruhig. Präsent. Nur noch hier, nur noch spielen. Fokussiert. Mit voller Konzentration im Hier und Jetzt.

Dieses «Voll im Spiel sein» ist der Hochgenuss beim Schauspielen.

Der Stress fällt ab. Die Angst ist weg. Ich spiele. Es spielt. Ein langer Flow.

Und wenn am Schluss das Publikum klatscht und ich mich verbeuge, dann heule ich vor Glück. Ich hole alle Mitarbeiter auf die Bühne. Wir umarmen uns innig: Wir haben es geschafft. Ein neues Werk ist lebendig geworden. Ich spüre förmlich, wie sich der Körper entspannt. Der Kopf wird angenehm leer. Die Seele lächelt.

Es ist nicht nur wie im Rausch, es ist ein Rausch.

Zusammen mit dem Publikum haben wir starke Emotionen durchlebt. Die Zuschauer sind mit uns auf die Reise gekommen. Sie haben sich auf unsere Bilder eingelassen, mitgelitten, mitgelacht und sitzen jetzt glücklich auf ihren Stühlen. Sie sagen uns, dass ihnen der Kiefer und die Backen vom Lachen wehtun, dass sie aber auch ein bisschen geheult haben, dass sie …

Ich höre es wie durch eine Scheibe. Wahrscheinlich habe ich so viel Adrenalin und andere Hormone im Blut, dass ich bei einem Drogentest positiv auffallen würde. Ich muss runterkommen. Essen. Feiern. Lachen. Schlafen …


Kritiken

Dokumentarfilm – Kuno Bont

DIE SCHNEIDERN – Das Stück


Tournee

Die Arbeit am Stück geht auch nach der Premiere weiter. Michael schaut sich die ersten vier Vorstellungen von neben dem Technikerpult aus an und flüstert fortwährend seine Kritik in ein kleines Diktiergerät. Am nächsten Morgen finden lange Nachbesprechungen statt. Nicht nur mit mir, sondern auch mit den Technikerin­nen und Technikern. Sie sind Teil der Vorstellung und können dem Stück mit ungenauen Einsätzen schaden. Sie müssen in meinem Rhythmus mitschwingen. Mit mir atmen.

Und dann geht es endlich auf Tournee. Vor Probenbeginn sind schon hundert Vorstellungen verkauft worden. Die Veranstalter scheinen dem Hutter/Vogel-Team zu vertrauen. Das ist ein echter Komfort, aber ebenso ein echter Stress. Wir verkaufen etwas, was es noch gar nicht gibt. Wir verkaufen das Fell, bevor das Biest erlegt ist. Anders geht es nicht.

Das Stück entwickelt sich von Vorstellung zu Vorstellung weiter. Oft sind Pannen Auslöser von neuen Ideen. Das Spiel verfeinert sich, Übergänge werden glatter, Gags stringenter. Und vor allem werde ich als Spielerin lockerer. Die Geschichte funktioniert, ich kann mich darauf verlassen – das macht mich freier. Ich amüsiere mich. Ich kann mit dem Publikum spielen.

Meine anfängliche Angst, das öffentliche Sterben einer Schneiderin könnte zu schwarz und deprimierend ausfallen, löst sich in Luft auf. Die Zuschauer lachen Tränen, obwohl die Schneiderin ihren Todeskampf ausficht – und verliert.

Ein Paradox? Zum Totlachen?

Fröhliches Sterben eben!